Ich erlebe immer wieder, dass mich Menschen am Telefon fragen, ob man in ihrem Alter noch Apnoetauchen lernen könne. Und tatsächlich melden sich immer mehr Menschen fortgeschrittenen Alters zu meinen Kursen und Reisen an. Spielt das Alter eine Rolle wenn es um das Tauchen mit einem Atemzug geht ? Muss man jung und fit sein um Spass daran zu haben, oder spielen vielleicht sogar ganz andere Aspekte eine Rolle ?
Für meinen Artikel habe ich einige der erfolgreichsten deutschen Apnoe Athletinnen und Athleten interviewt, darunter die Weltmeisterin im Zeittauchen – Heike Schwerdtner, der deutsche Rekordhalter im Streckentauchen Klaus Kasten, den amtierenden deutschen Meister im Tieftauchen Jens Stötzner und die aktivste Apnoe Athletin der Welt – Barbara Jeschke. Sie alle haben eines gemeinsam, sie sind älter als 50 Jahre und haben damit vermeintlich das Alter in dem man Spitzensport betreibt hinter sich gelassen. Zunehmendes Alter scheint also kein Hindernis zu sein, um Bestleistungen zu vollbringen.
Für die meisten meiner Gesprächspartner ist das Apnoetauchen die zweite Sportkarriere. Heike war früher Schwimmerin, Barbara und Jens kamen vom Triathlon. Meine Frage, ob durch die Konzentration auf den Sport nicht auf vieles verzichtet werden müsse, sahen meine Gesprächspartner anders. Es mache einfach Freude und die Anstrengung würde nicht als Verzicht gesehen, insbesondere weil man durch mehr Training auch schnellere Erfolge sehe.
Von Altersmilde keine Spur
Beim Apnoetauchen ist es wichtig den Kopf zu entspannen. Ich wollte wissen, ob man mit fortgeschrittenem Alter vielleicht nicht mehr so verbissen ist, oder nicht mehr ganz so ehrgeizig. „Sicherlich sehe man manches lockerer und kann entspannter bleiben“, aber ob das mit der Erfahrung im Apnoesport zu tun hat oder mit dem Lebensalter konnte nicht abschließend geklärt werden. Die Lockerheit kann also von der Wettkampferfahrung und unabhängig vom Lebensalter kommen. Der Ehrgeiz ist scheinbar ein Persönlichkeitsmerkmal, welches man im Alter nicht verliert.
Unterschiedliche Verbände und Altersklassen
Im Apnoe Wettkampf Bereich gibt es zwei Verbände „AIDA“ und „CMAS“. Nur in CMAS Wettkämpfen gibt es offene – und Masters Wertungen. So können hier die über 50 Jährigen in der Masters Klasse starten.
Alt versus Jung
Es soll nicht der Eindruck entstehen, dass Apnoetauchen erst in der Lebensmitte praktiziert werden kann, denn natürlich gibt es auch eine Menger junger Athletinnen und Athleten. Trotzdem ist es beeindruckend, dass diese Spitzenleistungen in fortgeschrittenem Alter machbar sind. Für manche ist der Wechsel zu einer Sportart, die für den Körper insbesondere die Gelenke schonender ist und einen achtsameren Umgang mit sich bringt, sicherlich ein Grund. Der einzige Nachteil, den alle meine Gesprächspartner nannten, war eine längere Regenerationszeit im Vergleich zu früher.
In einer Trainingsgruppe, in einem Kurs, auf einer Reise spielt das Alter keine Rolle. Das gemeinsame Thema ist das Apnoetauchen. In einer Trainingsgruppe sind die erfahrenen Sportlerinnen und Sportler Menschen an denen sich die Neulinge orientieren und von deren Erfahrung sie profitieren können. Besonders im Apnoetauchen werden Trainingstipps gerne ausgetauscht und gegenseitige Unterstützung geleistet.
Kann am längsten – Heike Schwerdtner
Bei der vergangenen CMAS Pool Meisterschaft dieses Jahr in Belgrad erreichte Sie mit einer Apnoezeit von 8 Minuten und 10 Sekunden sowohl den Weltmeistertitel in der offenen Wertung, als auch einen neuen Weltrekord bei den Masters. Die heute 52 jährige fühlt sich fitter als noch mit 25 Jahren, obgleich sie in jungen Jahren zuerst Kunstspringerin und dann Leistungsschwimmerin war.
Auch wenn sie der Meinung ist, dass Sport nicht alles im Leben ist, sondern Gesundheit, Freunde und Familie am meisten zählen, so organisiert die Lehrerin für Pflegeberufe ihre Freizeit heute nach dem Apnoesport aus. Sie geht davon aus, dass der Stoffwechsel sich mit zunehmendem Alter verlangsamt und sich dadurch der Sauerstoffverbrauch senkt.
Taucht am Weitesten – Klaus Kasten
Der 53 jährige ist Prüfer beim Europäischen Patentamt und kam erst 2018 durch einen SSI Level 1 Kurs auf Teneriffa zum Apnoetauchen. Dabei ging er davon aus, dass er das Tauchen so betreibt, wie bisher das Fahrradfahren – als Hobby und Freizeitsport.
Bereits in Teneriffa lernte er Heike Schwerdtner kennen, mit der er dann zurück in Deutschland anfing zu trainieren. Heike überredete ihn zur Teilnahme an einem Wettbewerb in Saarbrücken 2019, den er mit dem dritten Platz beendete, was ihn motivierte weiterzumachen. Schon einige Monate später wurde er beim Wettbewerb in Wuppertal deutscher Meister in der Kategorie „Streckentauchen mit Bifins“ ( Flossen ) mit einer Strecke von 133m. Bei der CMAS WM in Belgrad schaffte er dieses Jahr zwei deutsche Rekorde „Streckentauchen mit Bifins“ 205 Meter und mit der Monoflosse 228 Meter. Beides sind auch Weltrekorde in der Masters Klasse. Für Klaus sind die Platzierungen dabei nicht so wichtig, daher startet er lieber in der offenen Klasse. Ihn fasziniert der Wettstreit über die Altersklassen und Landesgrenzen hinweg.
Der Tiefste – Jens Stötzner
Der amtierende deutsche Meister im Tieftauchen ist Jens Stötzner. Im echten Leben ist er IT Unternehmer. Der heute 55 jährige hat die meisten seiner Rekorde ab einem Alter von 50 Jahren geschafft.
Vergangenes Jahr wurde er mit 70 Metern deutscher Meister im Tieftauchen mit Bifins und bei der darauffolgenden CMAS Weltmeisterschaft im türkischen Kas mit einem Tauchgang auf 65m sogar Weltrekordhalter und Weltmeister in der Disziplin Tieftauchen ohne Flossen in der Masters Wertung.
Die Aktivste – Barbara Jeschke
Einen Gesprächstermin mit Barbara zu finden ist nicht einfach. Seit sie in Rente ist, scheint es vor allem im Sommer noch schwieriger zu sein. Zwischen einer Westalpenüberquerung mit dem Rennrad und dem Einsatz als Ärztin bei einem Rekordversuch im Bodensee finden wir aber eine halbe Stunde am Abend, natürlich erst nach ihrem Training. Die heute 67 jährige war Anästhesistin im Krankenhaus und genießt nun den (Un) Ruhestand. Jeder der in den vergangenen beiden Dekaden auf einem Apnoewettbewerb war, kennt sie bestimmt. Denn sie ist die mit Abstand aktivste Athletin der Welt. Der schwedische Apnoetaucher Valdemar Karlsson hat alle offizielle Wettkampfteilnahmen aller Athletinnen und Athleten gezählt und eine Statistik erstellt um herauszufinden wer die meisten Wettbewerbe bestritten hat. Heraus kam dabei Barbara Jeschke – und das mit riesigem Abstand.
Im Schwimmtraining für den Triathlonsport lernte sie mit damals 49 Jahren im Schwimmbad einen Apnoetaucher kennen und wurde schnell Mitglied in dessen Verein. Beim ersten Wettkampf im Jahr 2004, der langen Nacht des Apnoetauchens in Berlin war sie erfolgreich, was sie beflügelte weiter zu machen. In der Folge ertauchte sie sich nationale Rekorde, deutsche Meistertitel und fühlt sich in der Wettkampfszene als Athletin aber auch als Unterstützung durch ehrenamtliche Einsätze als Schiedsrichter – und als Eventärztin bei Rekorden und Wettbewerben, pudelwohl.
Wäre es nicht besser gewesen früher zu starten ?
Niemand scheint damit zu hadern nicht früher damit angefangen zu haben um heute vielleicht noch erfolgreicher zu sein. Barbara ist dankbar, dass sie zwei Sportarten „die sie liebt“ voll auskosten konnte., zunächst Triathlon und später das Apnoetauchen. Für Klaus, war die Zeit 2018 reif für eine Veränderung im Sport und eine Neuausrichtung im Leben. Scheinbar kam bei allen das Apnoetauchen zur richtigen Zeit und auch wenn frühe Erfolge in Wettbewerben sicherlich dazu beigetragen haben, scheint keiner meiner Gesprächspartner den Sport nur deswegen auszuüben, weil die Resultate so gut sind sondern weil es spass macht in der Apnoe Community zu trainieren.
Aber ist es nicht gefährlich, gerade im Alter ?
Meine Gesprächspartnerin und Ärztin Barbara hat eine klare Meinung „Wenn man es vernünftig macht, die Sicherheit und seine Grenzen im Blick hat, dann ist es der gesündeste Sport den ich kenne. Es erzieht einen auf den eigenen Körper zu achten. Selbst im absoluten Krankenhausstress wusste ich – ich muss entspannt bleiben und mein Leben auf die Reihe bringen, sonst wirkt sich das negativ auf mein Training aus. Ich wusste immer, wenn ich mich nicht dazu ermutige ausreichend zu schlafen, zu essen und trinken und entspannt zu bleiben, dann spüre ich das beim Tauchen“.