Das Spiel mit den Sinnen

Eigentlich wollte ich überhaupt nicht auf den Fähr-Fahrplan auf der Webseite von Ferry Croatia schauen. Es kommt ja ohnehin alle 90 Minuten eine Fähre, die die Orte Brestova auf dem Festland und Porozina auf der Insel miteinander verbindet. Warum sich also stressen und dadurch die tolle Aussicht auf das Meer verderben. Als ich die Küstenstrasse entlang fahre, tue ich es trotzdem und stelle fest, dass ich die 9:45 Uhr Fähre entweder um einige Minuten verpassen würde, oder nochmal richtig Gas geben und sie gerade so erreichen könne. Ich beschloss nochmal Gas zu geben und erreiche den Ticketschalter etwas oberhalb des Fährhafens um 9:43 Uhr. Um 9:45 überreiche ich schwitzend aber glücklich mein Ticket an den grinsenden Mitarbeiter „in letzter Sekunde“, ergänzt er. Als das Auto geparkt ist und ich meine Habseligkeiten einstecke um an Deck zu gehen, registriere ich dass das Schiff schon unterwegs ist. So muss ich mich etwas sputen um in den zwanzig Minuten der Überfahrt noch einen Kaffee zu trinken und Bernhard von meinem Kommen zu unterrichten. Wir organisieren jedes Jahr einen gemeinsamen Seatrekking Trip auf Cres und wie bereits ein Jahr zuvor vereinbarten wir schon vor einigen Monaten, dass ich ein paar Tage früher kommen würde, damit wir miteinander Kunst machen könnten. Bernhard Wache ist nicht nur Seatrekking Erfinder, sondern auch Künstler. Wenn man ihn fragt, was er denn für Kunst mache, dann antwortet er meistens „Landart“ also Kunst in der Natur und mit der Natur. Die Reaktion ist meistens ein kurzes Nicken und ein dickes Fragezeichen über dem Kopf „und wie kann man davon leben“ ?  Eigentlich sieht sich Bernhard aber nicht als Künstler, sondern erklärt immer wieder dass die Natur der Künstler sei. Er wäre dabei nur ein Werkzeug der Natur. Und eigentlich stimmt Landart auch nicht, denn er sei eher Landschaftsmaler. Den er malt auch schon mal die Landschaft an. Dazu nutzt er biologische Naturfarben. Denn die Natur liegt ihm ganz besonders am Herzen. „Leave no trace“ – hinterlasse keine Spuren, das ist sein Motto beim Seatrekking, als auch in der Kunst. Allerdings ist das nicht ganz richtig, denn Spuren hinterlässt Bernhards Kunst schon, aber sie stört nicht und wird auch selten jemand zu Gesicht bekommen. Vor vielen Wochen schon, habe ich mit Bernhard vereinbart, dass ich, sobald ich auf der Fähre bin Bescheid geben würde und er mir dann den Treffpunkt mitteilen würde. Meistens die Pension Tramontana in Beli. Hier ist fast immer unser Treffpunkt und hier starten die meisten unserer gemeinsamen Trails entlang der naturbelassenen Küstenlinie von Cres. Mit einem Cappuccino vor mir schicke ich die WhatsApp „bin auf der Fähre, wohin soll ich kommen“ ab. Kurz darauf kommt die Antwort „ich treffe Dich direkt am Hafen, ich bin in der Nebenbucht beim Angeln“. Toll, wenn es doch immer so unkompliziert wäre Menschen zu treffen. Keine hundert Whats App Messages, die hin und her geschickt werden. Die nötigsten Infos wurden ausgetauscht und jetzt geht es los. Mit der Fähre lasse ich auch ein wenig die Zivilisation hinter mir. Den Stress der letzten Tage, die Anreise und den Alltag.

Am Hafen begrüßt mich Bernhard und wir fahren gemeinsam, vorbei an Beli, wo ich mein Auto abstelle und wir mit seinem Geländewagen entlang von völlig ausgewaschenen Strassen weit in die Wildnis fahren. Schafe und Rehe kreuzen unseren Weg und wir werden ordentlich durchgeschüttelt. Irgendwann endet die „Strasse“ und wir packen das nötigste zusammen um in der Wildnis übernachten und uns verpflegen zu können. „Wir laufen jetzt noch ungefähr zwanzig Minuten und dann sind wir an meinem Camp“. Ich seufze innerlich, denn diese Outdoor Menschen haben alle eins gemeinsam, Wegstrecken hemmungslos zu untertreiben. Ein Understatement, welches ich schon häufig bei Bergsteigern und anderen Sportlern kennen gelernt habe. Einen richtigen Weg gibt es nun nicht mehr. Der Wald besteht überwiegend aus Eichen und die Bäume, Sträucher und herunter gebrochenen Äste spielen seltsame Spiele mit meinem Gehirn. Immer wieder erscheinen Tiere oder Figuren, die beim näheren Betrachten doch nur Zweige und Blätter sind. Ein richtiger Märchenwald, indem Bernhard offensichtlich sein Camp errichtet hat. Er ist ein Teil des Jahres hier und „macht Kunst“, zwischendurch besuchen ihn auch bekannte Filmemacher wie Alex Strohl die ihn als Werbefigur für z.b. Prada oder Canon shooten oder auch Fernsehproduktionen wie die Deutsche Welle oder Arte. Jedoch darf ihn nur selten jemand in sein Camp begleiten. „Wir sind da“, ruft Bernhard. Wir waren exakt 19 Minuten unterwegs.

„Wir machen heute einen Kuchen“, erklärt er mir. „Einen Kuchen“, frage ich. „Ja, aus Blättern, eine Art Blaubeerkuchen und die Form ist wie bei einem Käsekuchen, der am Rand so ein bisschen hochgeht“. Wir müssen tatsächlich direkt loslegen, weil es morgen Regen geben wird und dann die Farbe nicht auf dem „Kuchen“ hält. Wir beginnen damit einen Platz im Wald zu suchen, an dem ein Kuchen am Besten zur Geltung kommt. Ein Platz war zu Perfekt, ein anderer passte ebenso wenig. Kurz darauf findet Bernhard den richtigen Ort für den Kuchen, der sich für mich auf den ersten Blick nicht groß von vielen anderen möglichen Plätzen unterscheidet. Jetzt heißt es Blätter sammeln. Die Entscheidung fällt auf Eichenblätter von denen es hier Anfang Oktober in Hülle und Fülle gibt. „Die hier sind perfekt“ erklärt Bernhard – diesen Platz merken wir uns, die nehmen wir für das Topping – so wunderschöne Blätter“. Bernhard hat einen großen Leinensack in dem wir die Blätter sammeln. Es gibt viel Laub unter vielen Bäumen, nur selten sind sie von der Qualität gut genug um den Weg in den Sack zu finden. Nach und nach finden sich Bäume und Laub und wir füllen viele große Säcke mit Laub. „Diese Objekte nenne ich Leafings“. Der Name leitet sich vom englischen Leaf, also Blatt oder Laub ab. Jeder Sack wird in der Mitte des zu Beginn gefundenen Ortes ausgeleert und geduldig und hingebungsvoll formt Bernhard einen großen Kuchen, dessen Form tatsächlich an einen Käsekuchen erinnert. Als viele Säcke ausgeleert wurden und das Topping in Form der perfekten Eichenblätter ebenso auf den Kuchen aufgetragen und positioniert wurde, dreht sich Bernhard eine Zigarette und raucht sie. „Warum einen Kuchen“, frage ich ihn die nachvollziehbarste aller Fragen.

„Nicht jedes Blatt ist gut genug für das Kunstwerk“

„Viele Säcke Eichenblätter werden benötigt um den Kuchen zu formen

„Die richtige Farbkombination hebt das Objekt von der Umgebung ab“

Das fertige Kunstwerk – Titel :

„LEAFING II / LEAF CAKE

Prometheus von Heathaway

280 x 40 cm

Naturpigment auf Laub“

„Weil es Irrational ist, dass hier ein Kuchen steht, noch dazu im Durchmesser von 2,8 Meter. Das irrationale bringt uns weiter, verstehst Du ? Liebe, Evolution das ist alles irrational, wenn Du immer das gleiche machst und nicht immer mal wieder aus dem „normalen“ ausbrichst, dann kommst Du nicht weiter. Es ist die Überraschung die uns glücklich macht und ein gutes Gefühl im Bauch gibt“.

Als die Zigarette zu Ende geraucht ist, bekommt der Kuchen Farbe. Einzelne Schichten, werden in einer bestimmten Reihenfolge aufgetragen. „Die Farben haben einen Effekt, unser Auge kann das nicht interpolieren und so scheint das ganze zu schimmern“. Unterdessen neigt sich der Tag dem Ende zu. Kunst zu machen ist mühsam, das umhertragen von Laub, Farbe und das bücken und sammeln machen wirklich Müde. Der Oktober ist auch auf Cres ebenso feucht, wie in Deutschland weshalb die Farbe nicht so gut trocknet. Die letzte Schicht müssen wir auf morgen verschieben. Auf dem Weg zu unserem Zelt sehen wir eine kleine schlammige Senke. „Das hier könnte man mit Laub auffüllen und dann so anmalen, dass es wie ein kleiner See oder Teich aussieht“. Ich entgegne, dass man doch nachher gar nicht sehen könne, dass der „See“ tief ist. Man könne doch auch an einer flachen Stelle einen Teich machen, das würde doch keiner merken. „Nee die Natur bietet sich hier an, dann nehme ich das auch an, es ist doch völlig klar mit allem drumherum, dass hier ein See sein muss“, sagt Bernhard kopfschüttelnd und geht weiter. Als wir Abends müde vor dem Zelt sitzen und ein Bier trinken kommen wir nochmal auf den Kuchen zu sprechen. „Stell Dir vor, da kommt ein Schäfer oder Jäger irgendwann vorbei und sieht das, der versteht das überhaupt nicht und glaubt vielleicht das waren Ausserirdische“. Bernhard lacht und wir blicken von unserer Anhöhe direkt am Waldrand und blicken auf das Meer einige hundert Meter unter uns. Die Lichter am dahinter liegenden Festland leuchten hell. „Ich finde den Platz hier perfekt weil ich von hier aus der Natur in die Zivilisation blicke, ihr seid dort und ich bin hier“, sagt Bernhard und nimmt noch einen Schluck Bier.

Seatrekking

Leider kam in der Nacht schon der Regen und unser Kuchen war morgens ziemlich farblos. „Schade“ sage ich „soviel Arbeit und alles umsonst“. „Nein wieso, das mache ich ein andermal fertig“. Die App Windy hat Wind und Regen vorausgesagt, das ist Schade, weil in Kürze unser Trail starten soll. Sechs Teilnehmer sind aus ganz Deutschland angereist und möchten die folgenden vier Tage gemeinsam mit uns in der Wildnis verbringen.

Seatrekking ist eine Erfindung von Bernhard. Vor über 20 Jahren hat er sich mithilfe von Ortlieb Packsäcken eine Tasche gebastelt, die er mithilfe einer flexiblen Leash an der Wasseroberfläche schwimmend hinter sich herziehen kann. 2014 als ich Bernhard kennenlernte hatte er gerade mit einigen Freunden die Firma Aetem gegründet, welche die schwimmbaren Taschen in Kleinserie produzierten. Leider war die Nachfrage nach den Taschen nicht so groß, so dass die Firma einige Jahre später wieder aufgelöst wurde. Der Preis für so eine Tasche lag bei fast 1000 Euro und eine Seatrekking Szene gab es nicht. „Trekking the Ocean“ war der Slogan von Aetem und folgte damit der uralten Tradition große Gewässer als „Verkehrsstrasse“ zu nutzen, weil es an Land noch kaum Strassen gab. Es gibt unbegrenzt Strecken und Wege im Wasser, am meisten spass macht es aber entlang der Küstenlinie zu wandern. Dass in das Aetem Back Pack nur das wirklich notwendigste rein passt ist Fluch und Segen zu gleich. Der Verzicht auf Unnützes, also Equipment welches nicht unbedingt gebraucht wird, führt einem sehr anschaulich vor Augen, dass man im Grunde immer zu viel mit sich herumschleppt. Man braucht gar nicht soviel um glücklich zu sein. Liegt man Abends in seinem Schafsack und schläft unter dem Sternenhimmel ein, dann merkt man dass einem nichts fehlt um glücklich zu sein. Noch nicht einmal ein Zelt, welches einerseits zu viel Platz in der Tasche einnimmt und auf der anderen Seite auch rechtliche Gründe hat, denn Biwakieren ist in der Natur meistens geduldet, zelten eher nicht. Am Schönsten ist das Seatrekking, wenn man an der Küstenlinie entlang schwimmt. So hat man ein 360 Grad Erlebnis, wenn man sieht wie sich die Landschaft unter Wasser fortsetzt. Hat man eine geeignete Stelle zum Beispiel eine schöne Bucht gefunden, verlässt man das Wasser und baut das Lager auf und beginnt zu kochen. Ein tolles Erlebnis, allerdings steht und fällt alles mit dem Wetter. Wenn es regnet ist das ganze weniger romantisch und leider wurde für unseren ersten Tag Regen vorausgesagt. Ein bisschen Regen ist nicht schlimm, wenn es aber dauernd regnet, dann schläft man zwangsweise in nassen Schlafsäcken und bewegt sich zumindest an Land in nassen Klamotten. Doch für den ersten Tag war ohnehin das Flow Diving vorgesehen.

Die schwimmbare Tasche enthält alles was man für ein paar Tage in der Wildnis braucht“

Die flexible Leash verbindet den Seatrekker mit seiner schwimmbaren Tasche.

Flowdiving

„We are animals“ war einer der ersten Worte, die ich 2014 von Bernhard hörte. Ich hatte einenBericht zum Seatrekking auf Spiegel Online gelesen und war begeistert. Als Freediver wusste ich, dass Reduktion nichts mit Verzicht zu tun haben muss und ganz im Gegenteil ein Mehr an Erlebnis schaffen könnte. Die Art sich mit Freediving Equipment fortzubewegen und alles was man zum Leben braucht an einer Leash befestigt in einer stromlinienförmigen Tasche hinter sich her zu ziehen, hatte mich sofort begeistert. Wir bewegen uns wie ziehende Meeressäuger und kombinieren eine hydrodynamische Fortbewegung indem wir uns möglichst lange unter der Wasseroberfläche bewegen und nur zum Luft holen nach oben kommen. Bernhard, der sich schon seit Jahren auf diese Art und Weise fortbewegt hat sich einen Rhythmus von 70/30 angewöhnt. 70 % der Zeit taucht er und 30 % verbringt er an der Oberfläche um zu atmen. Das Ganze wird dann zum „Flow“,wenn das Schnorcheln an der Oberfläche, das Abtauchen auf zirka zwei Meter und das Fortbewegen unter Wasser in einer fließenden Bewegung geschieht. Eine Bewegung die sehr elegant aussieht und tatsächlich an Delfine oder ziehende Wale erinnert. Bernhard kann diese Bewegungsabfolge und Fortbewegung über und unter Wasser mehrere Stunden durchhalten. Für einen Beginner ist es nicht ganz so einfach. Für unserer Gruppe startet der verregnete erste Tag daher mit einer Einweisung in das Flowdiving. Während ich die Atemübungen erkläre und das Stretching übernehme, erläutert Bernhard das Flowdiving. Es ist nicht so einfach den richtigen Rhythmus zu finden, dazu kommt dass man jede Menge Gewicht braucht um sich auf einer Tiefe von zwei  bis drei Metern fortzubewegen. Für das Tariergewicht, hat Bernhard eine Möglichkeit gefunden um nicht einen Bleigurt mit sich mitschleppen zu müssen. Ein Rucksack in den man Steine füllen kann, ersetzt den klassischen Bleigurt. Steine, davon gibt es an den Stränden Kroatiens mehr als genug. In der kleinen Bucht versucht nun jeder zunächst das richtige Gewicht zu finden um auf der flachen Tiefe einigermaßen neutral zu sein.

Flugblei nennen Seatrekker das Gewichtssystem.

Danach geht es darum einen Rhythmus zu finden aus Atemzeit über Wasser und dem Tauchen. Obwohl alles ausgebildete Apnoetaucher sind, ist diese Fortbewegung ungewohnt und es braucht Zeit sie zu beherrschen. Doch in den kommenden Tagen auf dem Trail wird es ausgiebig Gelegenheit zum Training geben. Während einem Trail verbringt man nicht die ganze Zeit damit diese meditative und energiesparende Art der Fortbewegung zu betreiben. Zuviel gibt es doch im Uferbereich zu entdecken, aber um gut voran zu kommen ist das Flowdiving perfekt geeignet.

An diesem ersten Tag sind alle ziemlich Müde. Mehrere Stunden im Meer Flowdiving zu betreiben und dabei die Arme gestreckt über den Kopf zu halten um noch hydrodynamischer zu sein kostet Kraft. Dass es regnet, haben die Teilnehmer an diesem Tag kaum mitbekommen, zu konzentriert waren sie auf die neuartige Fortbewegung im Wasser. Am Ende sind alle froh, dass es nicht in den Biwak Schlafsack geht, sondern erstmal in die Pension Tramontana. Ein gutes Abendessen und ein paar Bier bevor es ins trockene und warme Bett geht. Ab morgen werden wir auf derart Luxus verzichten müssen.

„Flowdiving ist eine fast meditative Bewegungsabfolge, die an ziehende Meeressäuger erinnert“.

Auf dem Trail

Wir haben dieses Jahr Glück mit den Teilnehmern, alles sind körperlich fit und geübt im Umgang mit den Apnoeflossen. In den vergangenen Jahren war nicht jedem Teilnehmer klar, dass es in der Natur keine Toiletten gibt, dafür Tiere wie Spinnen und allerlei anderes Krabbelzeug. Manche hatten bereits nach kurzer Zeit Krämpfe in den Beinen, weil sie bisher nie richtig mit den langen Flossen geschwommen waren. Mit Distanzen von zwei bis vier Kilometer über den Tag verteilt müssen die Teilnehmer keine extremen Leistungen vollbringen, aber schon der Weg zum Wasser mit den schweren Taschen auf holprigen Hirtenpfaden ist anstrengend. Mehrere Tage am Stück schwimmen, schnorcheln und Flowdiving haben bis auf Bernhard und mich, sehr wahrscheinlich auch noch niemand gemacht. Dieses Mal sind alle gut vorbereitet und auch das Wetter bessert sich langsam. Nach 30 Minuten Wanderung erreichen wir das Meer. Eine einsame Bucht, von der es auf Cres einige gibt. Nur wenige sind vom Land aus erreichbar, was das Seatrekking hier so besonders macht. In den seltensten Fällen trifft man an einer solchen Bucht andere Menschen. So hat man die Rast und Übernachtungsplätze fast immer exklusiv, wodurch sich schnell ein „Cast Away“ bzw. „Robinson Crusoe“ Feeling einstellt.  Die Insel hat den Vorteil, dass je nach Wind eine der beiden Seiten als Startpunkt angesteuert werden kann. Mit Bernhard haben wir einen Guide, der sich hier perfekt auskennt. Wir haben Bora und mussten daher entgegen unseres Planes auf die andere Seite wechseln. Die Wellen in Beli, dem eigentlich geplanten Start, waren zu hoch um einen sicheren Trail zu starten. Beginnt man diesen Trail, dann sind die Ausstiegsmöglichkeiten begrenzt.

Der Trail beginnt und wie im Tauchen und Freediving sind die Seatrekker in Buddyteams unterwegs. Entlang der Küste entdecken wir Spalten, kleine Höhlen, Steilwände und vieles mehr. Oktopusse, Barsche und das eine oder andere Skelettierte Schaf findet sich im Uferbereich. Nach einem Kilometer stoppt Bernhard die Gruppe und checkt, ob alle gut klar kommen. Ich selbst mache traditionell den „Besenwagen“. Ich bin gerne langsam unterwegs und schaue mir die Gegend an, während Bernhard die meditative Kombination aus Fortbewegung und Atmung – das Flowdiving bevorzugt. Sehr schnell stellt sich bei mir das Freiheitsgefühl ein. Drei Kilometer klingt dabei viel, ist aber über einen ganzen Tag verteilt eine entspannt zu erbringende Leistung.  Nachdem wir die vergangene Nacht noch in der Pension übernachteten, haben wir dort nochmal gefrühstückt und anschließend gepackt. Das ist beim ersten Mal Seatrekking gar nicht so einfach. Was brauche ich und auf was kann ich verzichten ?

Durch das begrenzte Fassungsvermögen der Tasche, muss man sich auf das notwendige beschränken.

Kocher, Geschirr und Proviant folgt ebenfalls der Devise – möglichst wenig Platz zu verbrauchen und genug Kalorien zu sich zu nehmen.

Kleinigkeiten, die eine Stirnlampe werden gerne vergessen, sind aber extrem wichtig um sich Nachts und bei Dämmerung zurecht zu finden.

Nach einigen Stunden des Entdeckens, des Schnorchelns und Flowdivings kommen wir an der Bucht an, in der wir übernachten wollen. Der Regen hat aufgehört und wenn es gut läuft, wird es auch in der Nacht nicht mehr regnen. Für die kommenden Tage soll sich das Wetter immer weiter verbessern. Wir ziehen unsere Neoprenanzüge aus und die trockenen Klamotten aus unserer Tasche an. Bernhard beginnt ein Tarp – eine wasserdichte Plane zu spannen. Diese schützt sowohl vor Sonne, als auch vor Regen. Das Übernachtungslager ist schnell eingerichtet und eines der Highlights des Tages beginnt – das Kochen und Essen. Teilweise werden Fertiggerichte aus dem Outdoorshop verwendet. Diese haben bei kleinem Packmaß eine hohe Kalorienzahl und brauchen wenig Wasser für die Zubereitung, was auf einem Trail sehr vorteilhaft ist. Ich selbst koche mir eine Fertigkartoffelsuppe und danach ein Risotto auf meinem Gaskocher. Bisher hat fast jedes Essen, welches ich auf meinem Gaskocher zubereitet habe fantastisch geschmeckt. Das liegt sicherlich einerseits daran, dass man nach getaner Arbeit auch richtig Appetit hat und andererseits an der Gegend in der man isst. Heute sitzen wir am rauschenden Meer und genießen den Sonnenuntergang. Nachdem sich die Sonne die letzten Tage sehr rar gemacht hat, freuen wir uns auf den nächsten Tag indem die Bewölkung lichter wird und sich gegen Abend aufgelöst haben soll. Die Nacht ist kühl. Ich bin froh um meine lange Unterwäsche und meine Wollmütze, die meinen Kopf wärmt. Nachts hat es noch kurz geregnet, aber unter dem Tarp und in meinem wasserabweisenden Biwak Überzieher blieb ich, genau wie alle anderen trocken. Nach und nach stehen alle auf und beginnen zu kochen und zu frühstücken. Mein Blick wandert über die kleine Bucht, die wir für diese Nacht besiedelt haben. Wir sind überall. Es ist unglaublich, wo überall unsere Taucheranzüge, das Flugblei, die Flossen und Rucksäcke herumliegen. Gegen zehn Uhr packen wir zusammen und um elf Uhr ist alles verpackt. Die Bucht ist leer und nichts haben wir zurück gelassen. Beeindruckend, wieviel Equipment tatsächlich in die schwimmende Tasche passt. Als ich das erste Mal auf Elba Seatrekking gemacht habe, war ich beeindruckt davon, dass diese an Land so schwere Tasche, an der flexiblen Leash kaum wahrnehmbar war. Und auch heute muss ich mich immer mal wieder umdrehen und überprüfen ob die Tasche noch an meinem Bein befestigt ist. Möchte ich abtauchen, dann bremst mich die Leash erst ab 15 Meter sanft ab. Es gibt aber fast nie einen Grund tiefer als fünf bis zehn Meter zu tauchen. Interessant ist der Uferbereich und immer mehr auch die Strahlen, die von der einfallenden Sonne kommen. Für den restlichen Trail haben wir strahlend blauen Himmel und die Oktober Sonne hat noch ziemlich viel Kraft. Nachdem wir einige Tage Regen hatten, können wir die wärmende Sonne noch mehr genießen. Am letzten Abend unseres Trails machen wir ein Lagerfeuer und lassen die Erlebnisse Revue passieren. Glücklich und körperlich ermattet schlüpfen wir in unsere Schlafsäcke. Am nächsten Morgen geht es zurück an den Ausgangspunkt und es heißt alles in die Autos packen und Abschied nehmen.

Kein Handy, kein Netflix – nach einem Tag im Meer braucht man nicht viel um glücklich zu sein.

Völlig entspannt erreiche ich die Fähre und setze über nach Brestova. Während ich die Steigung nach dem Fährhafen nach oben fahre denke ich nochmal über Bernhards Kunst, das Seatrekking und das Leben nach. Ich glaube vieles hat mit Gegensätzen zu tun. Wir genießen die Natur besonders, weil sie in unserem Alltag wenig Platz hat. „Wir brauchen mehr Wildheit in unserem Leben“ hat Bernhard so oder so ähnlich gesagt. Sein Blätterkuchen beeindruckt deshalb, weil er sich von seiner Umgebung abhebt. Und haben wir die Sonne, nicht auch deshalb so genoßen, weil wir davor einige Tage Regen durchgestanden haben ? Viele Gedanken begleiten mich, während ich die Küstenstrasse entlang fahre und noch einmal einen Blick auf die andere Seite in die Wildnis von Cres werfe.

Zum Autor :

Nik Linder ist mehrfacher Weltrekordhalter im Apnoetauchen, Autor verschiedener Bücher zum Thema Atmung, Freediving und Relaqua. Darüber hinaus ist er begeisterter Seatrekker und hat 2022 ( divingeurope berichtete ) als erster Mensch den Bodensee schwimmend mit seiner Seatrekking Tasche umrundet.

Möchten Sie auch einmal Seatrekking ausprobieren ?

Um Seatrekking auszuprobieren muss man nicht weit reisen. Auch die Gewässer in unserer Umgebung bieten die Möglichkeiten Seatrekking auszuprobieren. Als ich 2022 den Bodensee schwimmend umrundet habe, da gelang mir das nur weil ich mit der schwimmbaren Tasche, alles was ich zum Leben brauche mitnehmen konnte. Ich war unabhängig und ohne Support und Begleitung unterwegs. Es wäre niemand auf die Idee gekommen mich 20 Tage auf einem Paddelboot zu begleiten um mich vor Schiffsverkehr zu schützen oder Essen und Trinken zu reichen. Für mich war die Möglichkeit mit dem Backpack unterwegs zu sein, eine Art „Möglichmacher“ mit diesem leichten Equipment kann man Plätze ansteuern und betauchen, die man sonst nicht so einfach erreichen kann. So besteht die Möglichkeit Bergseen oder Gebirgsflüsse zu betauchen. Gegenden zu bewandern, in denen man sowohl im Wasser, als auch an Land wandern kann. Für diese Art der Fortbewegung gibt es kaum Limits.

Tagestouren :

Mehrmals im Jahr biete ich Tagestouren an um das Seatrekking kennen zu lernen. Zunächst gibt es eine Einweisung und das Equipment, dann wird miteinander gepackt. Für jeden gibt es ein Lunchpaket und etwas zu trinken für den mehrstündigen Ausflug. Der See ist für Autos gesperrt und so wandert man wenige Kilometer durch den Wald, bis man den See erreicht. Bevor es ins Wasser geht, gibt es einige Atemübungen um Körper und Geist auf das Wasser vorzubereiten. Auch Basics wie Abtauchtechnik, Krampf lösen und Buddysystem wird nochmal gebrieft, so dass man keine Vorkenntnisse im Tauchen oder Freediving benötigt. Nach einer Schnorcheltour durch den idyllischen Waldsee in unserer Umgebung verlassen wir den See am anderen Ende und genießen unsere belegten Brötchen. Danach geht es entspannt zurück zum Parkplatz.

Mehrtagestouren :

Da ich nun fast jeden Meter der Küstenlinie des Bodensees kenne, biete ich auch Mehrtagestouren im Bodensee an. Übernachtet wird in einer Pension/Hotel und von dort aus starten wir verschieden Tagestouren, wie z.b. Wanderung zur Marienschlucht, Schnorcheln an den Teufelstisch und wieder zurück. Abends geht es entspannt essen in eines der vielen schönen Restaurants am See und bei einem Gläschen Bodensee Wein wird der Tag Revue passiert.

Infos zu diesen Touren oder auch der Ausfahrt 2026 nach Cres finden Sie hier.

Seatrekking Bags habe ich nun auch auf meiner Webseite : Ihr findet sie hier https://niklinder.com/events/?type=Equipment