Es kommt häufig vor, dass sich Menschen in meinen Atemkursen als „Anhänger von…“ bezeichnen. Das können Menschen und Methoden sein, wie Wim Hof uns gleichnamige Methode oder Patrick McKeown mit seinem Oxygen Advantage Kurssystem. Letztlich reiht sich auch die Relaqua Methode irgendwo dort ein und findet Gottseidank eine ganze Menge Anhänger. In meinem Fall habe ich erkannt, dass der Tauchreflex, die Entspannungstechniken und das Floating die wir im Apnoetauchen nutzen perfekt geeignet sind um in die Entspannung und Meditation zu kommen. Ein Kurssystem mit Atemkursen, Stressreduktionskursen und natürlich der Atempause im Wasser. Auch Wim Hof oder Patrick McKeown haben sich inspirieren lassen um eine Methode zu entwickeln mit der sie Schüler und Instructoren ausbilden. Ich versuche bei Relaqua möglichst nicht dogmatisch vorzugehen und hoffe dass meine Schüler sich ebenfalls ihre eigenen Gedanken machen. Im Relaqua Ausbilderkurs empfehle ich gerne das Buch „Das ist Wasser“ von David Foster Wallace. Es ist eine Rede vor Absolventen einer Elite Uni und regt zum eigenständigen und vorteilhaften Denken an. Hier findet ihr den Vortrag im Original. ( Es gibt es auch für ein paar Euro zweisprachig im Buchhandel. )
Entspannung ist individuell und sollte geübt werden
Auch wenn die Übungen bei Relaqua so ausgewählt sind, dass meistens jeder was damit anfangen kann, so gibt es doch bei jedem Menschen Unterschiede. Für den einen ist die Progressive Muskelentspannung eine gute Möglichkeit um zu entspannen, für andere die Achtsamkeitsmeditation.
In einer Relaqua Stunde erfahren die Teilnehmer im Wasser eine oftmals nicht erlebte Tiefenentspannung. Im 35 Grad warmen Thermalwaser und der Schwerelosigkeit sorgt das Wasser einerseits dafür, dass man das Gefühl haben kann sich aufzulösen, da die Grenzen des Körpers im fast gleich warmen Wasser nicht mehr auszumachen sind. Auf der anderen Seite sorgt diese „Sinnreduzierte Umgebung“ dafür, dass sich die Selbstwahrnehmung verbessert. Die Atemübungen sind deshalb perfekt, weil sie fast überall gemacht werden können und leicht in den Alltag integrierbar sind. Auch wenige Minuten genügen um eine Verbesserung herbeizuführen um z.b. weniger gestresst und/oder ausgeglichener zu sein. Ist der Kurs vorbei und der Relaqua Ausbilder nicht mehr da, dann fällt es den Teilnehmern schwer Übungen im Alltag anzuwenden. Das ist schade, denn Entspannung will geübt werden. Beim Apnoetauchen meditieren wir und entspannen wir uns immer wieder vor dem Abtauchen. Ich selbst war nie auf der Suche nach Entspannung oder Erleuchtung – ich wollte nur weiter tauchen. Zu Beginn habe ich überhaupt keine Veränderung in meinem Alltag wahr genommen – mir ging es ja vorher schon gut und ich wollte nichts verändern. Aber weil nicht die Lebensstil Änderung im Vordergrund stand, sondern das Apnoetauchen war mir das nicht wichtig. Ich trainierte ja für das Apnoetauchen und irgendwann blickte ich auf mein Leben und stellte erstaunt fest, dass sich doch sehr viel zum besseren gewandelt hatte. Ich ernährte mich gesünder, ich war nicht mehr so impulsiv, ich war zufriedener und ausgeglichener. Ich hatte das Gefühl, mit so einem Typ – wie mir selbst könnte ich gut klar kommen. Ich bin mir selbst ein guter Freund geworden.
„Man spürt halt was“
Für eine ganze Zeit durfte ich bei der Chief Ice Officer Ausbildung mitwirken. Es handelt sich um eine Art Verband, der Eisbaden als Kurssystem verkauft und Instructoren ausbildet. Ich sollte für das Breathwork zuständig sein und gut bezahlt als Experte einmal im Monat einen Online Kurs mit 90 Minuten Dauer anbieten. Beim Eisbaden ist die Wim Hof Methode sehr verbreitet, weil der Körper warm wird und Schmerzunempfindlich, weil durch die dort propagierte Hyperventilation der Körper, das Nervensystem in Alarmbereitschaft geführt wird und so der Körper gestresst wird, weshalb die Schmerzen aufgrund der Ausschüttung von Stresshormonen nicht so stark wahr genommen werden. Mein Ansatz war es, durch langsame Atmung entspannt mit dem kalten Wasser umzugehen. Bereits in den ersten Gesprächen mit den Inhabern machte ich klar, dass ich für Hyperventilation nicht zur Verfügung stehen würde. Durch den Bohr Effekt wird die Sauerstoffversorgung verschlechtert, gleichzeitig Co2 abgeatmet, was Blackouts ohne Warnung zur Folge haben kann. Nicht optimal, wenn man dazu im eiskalten Wasser sitzt. Nach meinen ersten Onlinekursen machte sich dann aber ein wenig Unzufriedenheit breit – könnte man nicht doch hyperventilieren und das ganze anders nennen ? Denn bei Wim Hof da würde man schneller was spüren. Auf meinen Rat, doch lieber gleich Drogen zu nehmen, dann würde man noch mehr spüren und dabei vielleicht sogar noch mehr Farben sehen sind sie aber nicht eingegangen. Nach einigen Monaten habe ich meine Tätigkeit dort beendet. Es kommt ehrlicherweise halt auch dazu, dass ich Wim Hof total doof finde. Doch das man bei Wim Hof etwas spürt, das wurde mir häufiger erzählt. Doch sollte man nicht vielleicht die Wahrnehmung verbessern und verfeinern, dass man sich auf schonendere Weise spürt ?
72000 Energiekanäle – wirklich ?
Die Atemübungen die ich hauptsächlich unterrichte kommen aus dem Yoga, genauer aus dem Pranayama. Hier geht es vor allem darum Energie zu lenken und ich glaube dass die Energie die gespürt wird im Yoga mit den Energiebahnen erklärt wird. Ich bin mir sicher, dass es abseits von Gefäßen, Faszien, Zellen u.s.w. was man auf dem Röntgenbild und im MRT etc. sehen kann, noch vieles mehr gibt. Ob es jetzt 72000 Nadis sind …ich weiß nicht. Meine Frau wurde Yogalehrerin und auch dort sind die Gurus wichtig und man betrachtet sie als Erleuchtete und Gelehrte. Dabei gibt es in den Ashrams dieser Gelehrten auch immer wieder Berichte von sexuellen Übergriffen und unangemessenem Verhalten. Ich glaube nicht, dass man allem folgen sollte ohne sich selbst Gedanken zu machen. In meinen Kursen versuche ich wertfrei die yogischen, physischen und psychischen Werte gleichberechtigt zu erläutern. Weder habe ich Angst davor etwas „esoterisches“ zu tun, noch messe ich dem ganzen eine zu starke Bedeutung bei. Jedem das Seine. Ob man dazu einen Elefantengott, Allah oder den „lieben“ Gott oder überhaupt jemand anbeten möchte ist eine Privatangelegenheit. Eine Portion Misstrauen hatte ich schon früher im Religionsunterricht und auch dort habe ich vieles hinterfragt und die Geduld meiner Religionslehrerin auf die Probe gestellt. Selbstredend hinterfrage ich jetzt auch im Yoga und versuche mir meine eigenen Gedanken zu machen.
Bin ich nicht vielleicht ganz o.k. ?
Ich habe früher in meinen Kursen gesagt „an der roten Ampel kannst Du in den Bauch atmen, im Zug die Wechselatmung machen, wann immer dir das Leben eine Pause schenkt, kannst Du sie nützen“. Je öfters ich gehört habe, dass man an der roten Ampel dies oder jenes tun soll ( Augenübungen, Lockerungsübungen, Atemübungen, positiv denken ), desto weniger war ich davon überzeugt. Ich hätte überhaupt keine Lust dazu, jede Minute dazu zu nutzen um mich „zu einer besseren Version meiner Selbst zu machen“. Ich habe mir überlegt, dass ich doch eigentlich ganz o.k. bin, große Veränderungen sind nicht notwendig, den Stress und Druck „nicht perfekt zu sein“ gebe ich mir gar nicht. Wozu ? Ich habe noch keinen Selbstoptimierer gesehen, der zufrieden schien. Abgesehen natürlich von den Influencern auf Youtube und instagram – aber seien wir mal ganz ehrlich – wenn ich absolut zufrieden bin, warum muss ich dazu auf instagram hausieren gehen ? Heute lege ich das Handy zwei Stunden weg und gehe spazieren – das ist noch besser als die 30 Sekunden an der roten Ampel mit Aufgaben zu überfrachten. Im Zug schaue ich heute ganz gerne aus dem Fenster und träume vor mich hin. Auch das lädt die Akkus auf. Atemübungen mache ich natürlich auch, aber nicht mehr nebenher, sondern mit voller Aufmerksamkeit. So bin ich weniger abgelenkt und lerne mich besser wahr zu nehmen, Entspannung sollte nicht stressen sondern Freude machen.
Selbstwahrnehmung und Nachspüren
In meinen Atemkursen frage ich oft „Wie fühlst Du Dich nach dieser Übung, wie hat sich dadurch deine Atmung und Dein Befinden verändert“ ? Hier versuche ich die Schüler weg vom einfachen konsumieren, hin zum eigenverantwortlichen Mitwirken zu motivieren. In Verlauf des Kurses frage ich immer wieder nach um die Teilnehmer zu ermutigen noch besser in sich rein- zu spüren und zu hören. Denn es ist unwichtig, welchen Wert Atemtherapeuten, Yogalehrer, Pneumologen, Entspannungstrainer oder Nik Linder der Übung geben. Viel wichtiger ist, welchen Wert ich jeder einzelne dieser Übungen gebe. So wird man feiner in seiner Selbstwahrnehmung. Die Nachspürphase ist Teil einer jeden Übung im Kurs, sollte aber auch zuhause praktiziert werden und nicht ausschließlich nach einer Entspannungsübung. Momente der inneren Einkehr und das nachspüren auch nach einem anstrengenden Tag, einem Streit oder einem glücklichen Moment helfen uns selbst besser kennen zu lernen.
Das Leben besteht aus Momenten
Im Schnitt atmen wir 20.000 mal pro Tag, die wenigsten davon erleben wir bewusst. Hetzen wir durch unser Leben, egal ob durch den Job, soziale Medien u.v.m. dann entgehen uns diese bewussten Momente. Nicht weil sie nicht da sind, sondern weil wir sie nicht sehen und erkennen. Der Mensch ist programmiert um eher negative Dinge zu sehen, denn um zu überleben ist es wichtig Gefahren zu erkennen. So können uns schöne Momente entgehen. Vielleicht ist es am Ende des Lebens so, dass ich viele Momente gesammelt habe. Ob ich mein Leben im Rückblick als Gelungen bezeichne kann damit zusammen hängen, ob ich die schönen Momente wahr genommen habe oder ob sie achtlos an mir vorbei zogen. Vielleicht erkenn ich in zwanzig Jahren erst, dass ich jetzt und heute die beste Zeit meines Lebens habe.
In diesem Sinne, genießt den Moment, nehmt Euch Zeit für Euch, spürt nach und hört in Euch rein und vielleicht müsst ihr gar nicht so viel an Euch verbessern, weil ihr schon ganz o.k. seid.
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