Wieder mal war ich zu einem Vortrag eingeladen und kam ins Gespräch mit einem der Gäste. Ich glaube es waren Ärzte. Sehr interessant sei mein Vortrag gewesen und erfrischend mal eine kurze Auszeit von den rein fachlichen Vorträgen zu haben. Das sei ohnehin der Organisation des Veranstalters zu verdanken, so mein Gegenüber, dass es immer wieder auch interdisziplinäre Vorträge gäbe, wodurch sich Einblicke in fachfremde Themen ergäben. „Die Resilienz der Milchkuh“ sei vor einigen Monaten so ein Vortrag gewesen, der ihm im Gedächtnis blieb.

So könnte man jetzt als sensibler Mensch vorgeben, dass die Blase drücke und man sich zur Entwässerung in Richtung Toilette begeben müsse. Angepisst um beim Thema zu bleiben, weil man natürlich keinen fachfremden Vortrag präsentierte, sondern das Thema Atmung, Entspannung und die manigfaltigen Möglichkeiten des Transfers in den Alltag eines jeden quasi auf dem Silber, ach was auf dem goldenen Tablett präsentierte, wodurch ein etwas weniger ignorantes Publikum einem mit tränennassen Augen der Rührung die Verehrung kund täten und von nun an ein wesentlich besseres und vor allem erfüllteres Leben führen würden. Man könnte, wenn man ganz sensibel oder schon sehr Divahaft unterwegs wäre, glauben, dass es sich um, die einen umgebenden Pneumologen mehr oder weniger um Kollegen handele, denen man gönnerhaft nun mal langsam das „Du“ anbieten könne. Auf keinen Fall aber sähe sich diese männliche Diva auf einer Stufe mit dem anderen Fachfremden Fachpersonal, welches Veranstaltungen dieser Art auflockere, wie zum Beispiel Zauberkünstler, Luftballon Artisten, welche Pudel und anderes aus Ballons formen oder einfach der klassische aber ehrbare Beruf des Pausenclowns, auf den die Diva natürlich nicht herabschaut, es insgeheim aber natürlich zumindest unterbewusst tut. Stattdessen sagte ich …..

„Die Resilienz der Milchkuh…..das ist ja interessant“, leicht nickend blickte ich mein Gegenüber an, schaute aber durch ihn hindurch. So standen wir uns eine ganze Weile gegenüber, bevor sich mein Gegenüber verabschiedete, er müsse mal auf die Toilette. Ich stand noch eine Weile da und blickte dorthin wo mein Gegenüber stand, ich hatte ihn noch gar nicht nach seinem Vornamen gefragt, und dachte an die Milchkuh und deren Resilienz. 

Tiere sind beeindruckend – zumindest für mich. Mit ihnen verbinden wir Eigenschaften und natürlich vermenschlichen wir ihr Verhalten manchmal. Der starke Gorilla, der brüllende und gefährliche Tiger. Es liegt vielleicht am Apnoesport an sich, dass ich schon wenn ich aus der Umkleidekabine in Richtung Schwimmbecken gehe, dass ich eine Art Bestandsaufnahme mache „Wie geht es mir“. Und es gab Tage da fühlte ich mich extrem stark – ein Selbstbewusstsein, welches aus jeder Faser meines Körpers spratzte. Ein Tiger, ein Löwe, ein Gorilla, alles in einem. Manchmal schlich ich aber auch eng am Gang entlang in Richtung Becken und da war nicht mehr viel übrig von der Power eines Raubtiers und man war eher eines der vielen Kleinstlebewesen, welches Angst haben musste versehentlich zerquetscht und unter den Füßen der anderen zermatscht zu werden. ( Der Tiger hatte übrigens im anschließenden Training meistens nicht so besonders performt – aber das ist eine andere Geschichte ). 

Die Milchkuh blieb in meinem Kopf und da ich als Kind mit meiner Familie jedes Jahr in Österreich ( Maishofen bei Zell am See ) im Urlaub war wusste ich über Kühe Bescheid. Ich sah sie ständig, sie waren riesig. Mein Bruder und ich wurden Abends zum Milch holen geschickt und sind mit der gefüllten Milchkanne wieder nach Hause gekommen. Der Hof beeindruckte uns und die vielen Kühe im dunklen Stall ebenso. Wir waren sogar auf dem Viehmarkt, wo Kühe verkauft wurden. Und natürlich sind wir beim Wandern auf die Schwalbenwand oder die Schmittenhöhe oder oder oder den Kühen quasi in freier Wildbahn begegnet. Ich habe mich sogar auf den Almen getraut sie zu streicheln und musste viele Kühe „vorstreicheln“ damit mein jüngerer Bruder sich auch getraut hat kurz die Hand über das sonnengewärmte Fell zu streichen. Ich hatte keine Angst und sah in ihren Augen völlige Entspannung und Gleichgültigkeit. 

Dieser Anblick war immer ruhig, wiederkäuend gelangweilt und entspannt völlig gleich ob es regnete oder die Sonne schien. Seitdem verwende ich für mich und in der Apnoe Ausbildung gerne das Bild einer Kuh, die auf der Weide steht und das Wetter, den Stress und alles andere an sich hinablaufen lässt. Ich stelle mir vor, wenn ich in der Strugglephase bin, ich sei jetzt diese Kuh und ich stünde im Regen und der kalte Regen klatscht mir auf den Kopf und durchnässt meine ganze Kleidung oder mein Fell, dann kommt noch der Wind und bläst die Wärme aus mir raus und am Ende schickt mir der Himmel noch ein Blitz der mir ins Horn schießt und ich ….ich bleibe. Ich nehme mir ein Beispiel an der Kuh, sie betrachtet das Wetter als etwas was man nicht beeinflussen kann. Sie lehrt uns die uneingeschränkte Akzeptanz des Unabänderlichen. Sie ist nicht der Meinung, dass sie das Wetter ändern kann und sich dadurch ihre Situation verbessert, sie ist auch nicht wütend, weil sie sich machtlos fühlt. Sie akzeptiert und irgendwann lässt der Regen, der Sturm und die Blitze nach und die Sonne kommt, die das Fell erwärmt und trocknet. Auf Regen wird Sonnenschein folgen, wozu sich jetzt aufregen ? 

Während mich die Kontraktionen wie Blitze treffen, bleibe ich locker und stelle mir vor ich sei eine Kuh. Manchmal ist es gut ein Gorilla zu sein, manchmal ist es von Vorteil eine Kuh zu sein. Vielleicht mache ich darüber mal einen Vortrag für z.b. die Kassenärztliche Vereinigung oder bei der Staatlichen Gesellschaft für Gummiverarbeitenden Künstlern. Getreu dem Motto „Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.“ Selbstredend geht es dann darum, wie man die Akzeptanz des Unabänderlichen auf das eigene Leben ausserhalb des Wassers übertragen kann. In einer Zeit in der wir scheinbar eine Krise nach der anderen erleben. Wo sich aber viele dieser Krisen nicht wirklich in unserem Alltag niederschlagen ( außer höheren Spritpreisen ) könnten wir ab und zu auf eine Wiese stehen und wiederkäuen oder atmen und dabei die Sonne genießen, denn der Regen kommt ganz sicher wieder…..

P.S. Ich habe die „Resilienz der Milchkuh“ mittlerweile hundert mal gegoogelt – alles was ich gefunden hatte, hatte absolut nichts mit diesem Text und meiner eigenen Vorstellung zu dem Thema zu tun.